Im März erschienen

Kurzfassung des 5. Deutschen Freiwilligensurveys

Der 5. Deutsche Freiwilligensurvey hatte es schwer: Im Jahr 2019 wurden fast 28.000 Menschen befragt – und mitten in der Auswertung kam Corona und wirbelte auch das Engagement durcheinander…
Wie Corona das Engagement verändert hat und ob nachhaltig oder nur vorübergehend – diese Erkenntisse wird dann wohl erst der Survey des Jahres 2024 abbilden.
Nichtsdestrotz lassen sich in der jetzt veröffentlichten Kurzfassung Langzeit-Entwicklungen beobachten, die mutmaßlich von Dauer sind.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen hat die wichtigsten Veränderungen und „Stabilitäten“ zur schnellen Orientierung auf den Punkt gebracht und mit ein paar kritischen Nachfragen gewürzt.


Was hat sich verändert?

Frauen legen zu, Männer lassen nach: Erstmals misst der Freiwilligensurvey in Sachen Engagementquote keinen Unterschied mehr zwischen den Geschlechtern. Waren seit 1999 Männer immer zu größeren Anteilen engagiert, ist 2019 keine signifikante Differenz mehr auszumachen: Von Frauen sind 39,2 Prozent, von Männern 40,2 Prozent freiwillig aktiv.
 
Die Älteren noch aktiver: Alle Altersgruppen werden in den letzten zwei Jahrzehnten aktiver – aber bei den 65-Jährigen und darüber ist die Zunahme am stärksten. Deren Engagementquote steigt von 18 Prozent in 1999 auf 31,2 Prozent im aktuellen Freiwilligensurvey. Es bleibt aber die niedrigste Quote unter allen Altersgruppen. Die höchste findet sich weiter bei den 30- bis 49-Jährigen mit 44,7 Prozent.
 
Die Differenzen durch Bildungshintergründe noch größer: Sag mir, welcher Bildungsgruppe du angehörst, und ich sage dir, wie wahrscheinlich du dich engagierst: Diese Vorhersage klappt zunehmend besser, denn die Unterschiede nehmen zu. 2019 engagieren sich Personen mit hoher Schulbildung zu 51,1 Prozent, mit mittlerer Bildung zu 37,4 Prozent, mit niedrigem Bildungsstand zu 26,3 Prozent. Allerdings: Die Unterschiede wachsen, weil die Menschen mit hoher Bildung deutlich stärker zulegen als jene mit mittlerer Bildung. Bei Menschen „mit niedriger Bildung“ hat sich seit 1999 nichts geändert.
 
Ost- und Westdeutsche nähern sich an: Im Engagement vollendet sich die Einheit? Jedenfalls engagieren sich in Ostdeutschland 37 Prozent, in Westdeutschland 40,4 Prozent der Befragten. Eine geringe Differenz, verglichen mit den fast 8 Prozent von 1999.
 
Weniger engagierte Zeit: Noch so ein fortlaufender Trend ist der zur „weniger zeitintensiven Ausübung der freiwilligen Tätigkeit“: Sechs Wochenstunden und mehr wenden im aktuellen Survey 17 Prozent auf – 1999 traf das noch etwa bei 23 Prozent der Freiwilligen zu. Es wuchs seither die Zahl derer mit zwei Engagement-Wochenstunden von gut 50 auf 60 Prozent.
 
Weniger leitendes Engagement: Keiner will mehr Vorstand werden? Nö, so kann der Freiwilligensurvey das nicht stehen lassen, ist immerhin jede vierte freiwillig engagierte Person leitend tätig oder in Vorstandsfunktion. Aber der Trend ist mächtig: 1999 hatten 36,8 Prozent der Freiwilligen eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion, 2019 sind es 26,3 Prozent. (Auch wenn uns diese Quoten seltsam hoch vorkommen.)
 
Was ist gleich geblieben?
 
Stabile Engagementquote: 28,8 Millionen Menschen engagierten sich 2019 freiwillig – satte 39,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland. Ein Minus gegenüber 2014 von vernachlässigbaren 0,3 Prozent, daher „gleichbleibend hoch“, wie es in der Pressemitteilung des BMFSFJ heißt. In den Jahren 1999, 2004 und 2009 waren es immer um die gut 30 Prozent gewesen.
 
Kein online-Zuwachs: Hätten Sie darauf gewettet? Im Jahr 2019 sagen 57 Prozent der Engagierten, sie nutzten das Internet bei ihrem Einsatz – ein Anteil, der seit 2009 weitegehend gleich geblieben ist. Ja, ist noch vor Corona, aber trotzdem… Am Ende heißt es in dem Kurzbericht über den möglichen Wandel durch Corona: „Zu erwarten sind unter anderem Veränderungen hinsichtlich der Bedeutung des Internets für das freiwillige Engagement.“
 
Nicht mehr migrantisches Engagement: Ein Migrationshintergrund ist verbunden mit einer geringeren Engagementquote – aber deshalb nicht unbedingt der Grund dafür! Statistiker würden jetzt auf den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität hinweisen, so wie bei den anderen hier erwähnten Aspekten auch. Bleiben wir beim Migrationshintergrund: Menschen mit einem solchen engagieren sich 2014 und 2019 zu je 27 Prozent, die ohne in diesem Survey zu gut 44 Prozent. Spannend und wichtig: Wer Migrationshintergrund, aber keine Zuwanderungserfahrung hat, engagiert sich anteilig häufiger freiwillig als Menschen, die selbst zugewandert sind. Menschen mit Migrationshintergrund, in Deutschland geboren und mit deutschem Pass bringen sich zu 38,7 Prozent freiwillig ein.
 
Was uns auffällig erschien
 
Unklare Geschlechterverhältnisse: Die Unterschiede markiert der Survey so: Männer wenden mehr Zeit auf für ihr Engagement, sind eher bei der Feuerwehr und in Leitungsfunktionen, während Frauen in Bereichen aktiv sind, die „als familienbezogen oder sozial charakterisiert werden können“. Woher kommt diese Schieflage? Die Autor:innen sehen sie in „noch bestehenden Mustern der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung begründet“. Es sei „davon auszugehen, dass Frauen anteilig seltener die Zeit und Möglichkeit haben, sich mit hohem zeitlichem Aufwand ihrer freiwilligen Tätigkeit zu widmen oder die Verpflichtung einer Leitungsfunktion zu übernehmen“. Interessant dabei: Es wird stärker die Möglichkeit angesprochen, dass Frauen nicht können, aber nicht, dass so womöglich nicht sollen oder nicht wollen.
 
Gleiche Teilhabechancen als bleibende Aufgabe: Am Ende wird der Freiwilligensurvey engagementpolitisch. Dass manche Gruppen mehr und andere wie Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder weniger Bildung weniger Zugang zum Engagement finden, habe auch mit Teilhabechancen zu tun, die in sozialer Ungleichheit wurzeln. Deshalb sei die ganze Gesellschaft gefordert, hier für bessere Ausgangsbedingungen zu sorgen.
Am Ende der Kurzfassung wird gleichwertige Teilhabe explizit nur am Beispiel der Geschlechter durchdekliniert. Gleicher Zugang von Frauen und Männern, heißt es, könne „nur dann gelingen, wenn es auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere bei beruflichen und familiären Aufgaben, eine gerechte Arbeitsaufteilung gibt“. Hier hätte man sich gewünscht, dass dies ähnlich für Menschen in sozioökonomisch prekären Lagen ausformuliert wird. Dann hätte man vielleicht zu schreiben: Deren gleichwertiger Zugang ist nur gegeben, wenn niemand gezwungen ist, um das soziale Überleben zu kämpfen.
 
Und wo bleiben die Rahmenbedingungen des Engagements? Die Variablen, mit denen der Survey Engagement darstellt, sind unter anderem Bildung, Arbeitsteilung, Alter etc., alles natürlich relevante soziodemographische Faktoren (schade nur, dass etwa Behinderung nicht mit abgefragt wird). Doch wer Engagement so zeichnet, läuft Gefahr, zu denken: Es liegt alles an den Einzelnen in ihren individuellen Merkmalen. Nun nimmt der Survey schon auch eine systemische Perspektive ein, indem er wie gesagt auf strukturelle Gegebenheiten wie soziale Ungleichheiten hinweist. Was jedoch völlig ausgeblendet bleibt, ist die Frage: Inwieweit hängt Engagementbeteiligung davon ab, ob es niedrigschwellige Zugänge gibt? Abgesehen von der Nachfrage nach Engagement, was ist eigentlich mit der Anbieterseite? So draufgeschaut, könnte man sagen: Ob die Leute so oder so sind, ist nicht allein entscheidend – sondern ob sie passende Möglichkeiten haben, sich einzubringen.

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